Zug 94
Cheftrainer Erminio Piserchia über seine neuen Aufgaben
Hinter den prachtvollen Fassaden der Zuger Münz verbirgt sich weit mehr als nur historische Bausubstanz.
Die «Münz» prägt das Stadtbild von Zug seit Jahrhunderten. Doch hinter den kunstvollen Fassaden von 1904 verbirgt sich weit mehr als nur alte Amtsstuben.
Hinter den prachtvollen Fassaden der Zuger Münz verbirgt sich weit mehr als nur historische Bausubstanz. Das Gebäude, das einst als Münzstätte des Standes Zug diente und später die Staatskanzlei beherbergte, gleicht einem steinernen Archiv, in dem sich Jahrhunderte der Bau- und Wohnkultur überlagern. Besonders die umfassenden Restaurierungsarbeiten in den 1980er Jahren legten überraschende Details frei, die nicht nur das Verständnis des Lebens im 17. Jahrhundert erweiterten, sondern auch die Ingenieure vor erhebliche Herausforderungen stellten.
Die Geschichte der Münz ist eng mit der Familie Weissenbach verbunden, allen voran mit J. Caspar Weissenbach, einem bedeutenden Dichter und Staatsmann seiner Zeit. Er prägte den Gebäudekomplex, bestehend aus Oberer und Unterer Münz, entscheidend. Dass dieses Erbe heute noch sichtbar ist, grenzt beinahe an ein Wunder, denn über Jahrhunderte hinweg setzten Feuchtigkeit und die Nähe zum Zugersee dem Mauerwerk massiv zu. Die Substanz war bedroht – und verlangte nach einer ebenso innovativen wie riskanten Rettung.
Bevor die kunstvollen Details im Inneren überhaupt freigelegt werden konnten, musste das Fundament stabilisiert werden. Massive aufsteigende Feuchtigkeit im Bruchsteinmauerwerk gefährdete die gesamte Struktur. Die Lösung war eine technische Pionierleistung: Erstmals kam in einem bewohnten Privathaus eine Methode zum Einsatz, die zuvor bei der Kathedrale von St. Gallen erprobt worden war. Mit einer rund 1,5 Tonnen schweren Bohrmaschine wurden horizontale Löcher von bis zu zwölf Metern Tiefe in die Mauern getrieben. In diese setzte man rostfreie Spannanker ein, um die Fassaden zu stabilisieren.
Parallel dazu wurden die Fundamente abschnittsweise mit Beton unterfangen – ein heikler Eingriff, der jederzeit die Statik des gesamten Gebäudes hätte gefährden können. Doch die Massnahme gelang und bildete die Grundlage dafür, dass die Münz nicht nur erhalten, sondern auch wieder bewohnbar gemacht werden konnte. Der technische Aufwand war enorm, doch er öffnete zugleich die Tür zu einer faszinierenden Entdeckungsreise ins Innere des Hauses.
Unter Schichten von Tapeten und Holzverkleidungen kamen Wandmalereien zum Vorschein, die bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichen. Besonders im Nordostzimmer der Oberen Münz entdeckten Restauratoren kunstvolle Ranken, Früchte und Blumen – und ein ungewöhnliches Fabelwesen: das sogenannte «Eichhörnchen-Fabeltier», eine Mischung aus Papagei, Eichhörnchen und Huhn. Diese Darstellungen zeugen von einer Bildsprache, die heute fremd erscheint, damals jedoch Ausdruck eines reichen symbolischen Kosmos war.
Die Räume dienten nicht nur praktischen Zwecken, sondern spiegelten auch die geistige Welt ihrer Bewohner wider. Moralische Sinnsprüche in Frakturschrift zieren die Wände, darunter nachdenkliche Zeilen wie: «Ich leb weiss nit wie lang, ich stirb und weiss nit wan...». Sie verleihen den Räumen eine beinahe intime Tiefe und machen deutlich, dass Wohnen einst auch ein Akt der Selbstvergewisserung war.
Ein weiteres Highlight sind die sogenannten «gemalten Vorhänge» aus dem Jahr 1608 im zweiten Stock. Täuschend echt imitieren sie kostbare Stoffe und lassen vermuten, dass hier mit künstlerischen Mitteln ein Mangel an realem Luxus kompensiert wurde. Diese Details geben Einblick in eine Zeit, in der Ästhetik und Symbolik eng miteinander verwoben waren.
Das äussere Erscheinungsbild der Münz hingegen wurde wesentlich später geprägt: 1904 schuf der
Zürcher Maler Christian Schmidt
ein monumentales Fassadenprogramm. Im Auftrag der Familie Wyss gestaltete er die Strassenfassade mit einem gekrönten Adler und dem Zuger Wappen. Die Fensterbrüstungen zeigen die Wappen der umliegenden Vogteien wie Cham, Hünenberg und Steinhausen und betonen so die regionale Identität.
Besonders bemerkenswert sind die Darstellungen historischer Münzen, etwa eines Groschens von 1600 oder eines «Dicken» von 1623, die auf die ursprüngliche Funktion des Hauses verweisen. Schmidt gelang es, den historistischen Stil seiner Zeit mit Respekt vor der bestehenden Substanz zu verbinden – nicht zuletzt durch die Verwendung traditioneller Mineralfarben, die bis heute ihre Leuchtkraft bewahrt haben.
Der Umbau der Münz in den 1980er Jahren war letztlich mehr als eine blosse Sanierung. Er stellte die grundsätzliche Frage, wie viel Moderne ein historisches Gebäude verträgt. Die Antwort fiel differenziert aus: Während im dritten Stock eine moderne Wohnung mit Küche und Bad entstand, blieben historische Elemente wie Balkendecken und Riegelwände bewusst sichtbar.
So steht die Zuger Münz heute nicht nur als Baudenkmal, sondern als lebendiges Zeugnis eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ihre Mauern erzählen Geschichten – man muss nur genau genug hinhören.
Michael Schwegler
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