Zug 94
Cheftrainer Erminio Piserchia über seine neuen Aufgaben
Adelheid Page im Schlossgarten von St. Andreas.
Adelheid Page-Schwerzmann prägte als Unternehmerin die Entwicklung des Kantons Zug. Sie gehörte zu den Frauen, die die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Region entscheidend mitgestalteten.
Adelheid Page-Schwerzmann war nie im Militär tätig, dennoch wurde ihr im Berufsleben der Name »die Generalin» zugeschrieben. Im Laufe ihres Lebens hat sie der Wirtschaft im Grossraum Zug Aufschwung verliehen. Schon als kleines Mädchen stach Adelheid aus der Masse heraus. Als fünfte Tochter einer gutbürgerlichen Familie wurde von ihr ein Interesse für die häuslichen Pflichten erwartet.
Adelheid jedoch interessierte sich für Literatur, Kunst, Philosophie und Fremdsprachen. Vor allem Letzteres sollte ihr in späteren Jahren zugutekommen. Im Jahre 1869, als sie dreizehn Jahre alt war, verbrachte sie ein Jahr in einem Institut in der Westschweiz, wo sie Französisch und Englisch lernte. Eine gute Entscheidung, da sie nur fünf Jahre später, auf einem Fasnachtsball im Februar 1875, ihren Mann, den amerikanischen Industriellen George Page, kennenlernte. Ihr Altersunterschied von 17 Jahren machte ihm nichts aus. George Page war von der selbstbewussten, Englisch sprechenden 22-Jährigen begeistert. Adelheids Mutter fand den fast 20-jährigen Altersunterschied aber weniger erfreulich. Sie mochte nicht, dass er Ausländer und starker Raucher war, aber schon seit ihrer Kindheit entsprach Adelheid dem Klischee der braven Bürgertochter nicht. Deshalb galt: »Was ihre Mutter erschreckte, war gerade das, was Adelheid faszinierte.»
Sie heirateten am 10. Juni im selben Jahr und Adelheid wurde in die Welt der internationalen Verbindungen gesetzt. Schon im Jahre 1866 hat George Page die erste Kondensmilchfabrik, »die Anglo-Swiss Condensed Milk Company”, in Cham eröffnet. Adelheid wurde schnell in die Firma integriert und ihre Meinung hatte dort Gewicht. Adelheids Einsatz führte dazu, dass die Fabrik im Dorf um ein repräsentatives Verwaltungsgebäude und eine eigene Kleinkinderschule erweitert wurde. Die Kleinkinderschule kam zustande, weil Adelheid sich aufgrund ihres Sohnes Fred im Kleinkindalter intensiv mit Fragen der Kinderbetreuung befasste. 1890 zog sie dann gemeinsam mit ihrem Sohn Fred nach Amerika, um ihrem Mann die Fortsetzung seiner Geschäftstätigkeit in Illinois zu ermöglichen.
Man konnte jedoch erkennen, dass der Respekt in der Ehe auf Gegenseitigkeit beruhte. Im Jahre 1894 überschrieb er Adelheid ihre gemeinsamen Bauernhöfe, was zu dieser Zeit noch kaum üblich war, da Ehefrauen in Rechtsakten nicht auftreten, weil sie rechtlich vom Mann vertreten werden. Diese Überschreibung verdeutlicht Adelheids Stellung innerhalb ihrer Familie. Fünf Jahre später stirbt George, und Adelheid übernimmt die Leitung des Unternehmens. Die als «Generalin» bekannte Adelheid wurde damit nicht nur dem Namen nach, sondern tatsächlich zur Generaldirektorin der Firma. Sie bereitet es auf die im Jahre 1905 tatsächlich vollzogene Fusion mit der Konkurrenzfirma Nestlé vor.
Auch die Nähe zum Tod konnte ihre Ambitionen nicht stoppen. Im Sommer 1909 litt sie an einer Blinddarmentzündung, bei der die Ärzte die Hoffnung bereits aufgegeben hatten. Sie schrieb ihren letzten Wunsch, die Gründung einer Stiftung zur Errichtung einer Heilstätte für Tuberkulosekranke, in einem Testament. Glücklicherweise überlebte Adelheid dank einer Notoperation, und in den Jahren 1910–1912 konnte sie das Sanatorium Adelheid für Lungenkranke verwirklichen lassen. Den fertigen Bau schenkte sie der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ). Über die Jahre hinweg entwickelte sich das Sanatorium zu einem Reha-Zentrum und steht bis heute noch auf 850 Meter über Meer in Unterägeri. Adelheids gute Taten endeten aber nicht dort. 1917 leistete sie der Gemeinde Cham einen grossen Beitrag indem sie ihr 600 Bücher aus ihrer Privatbibliothek schenkte. Damit schafft sie die Grundlage für das Chamer Lesezimmer, den Vorläufer der heutigen Bibliothek Cham. 1921 erhielt sie das Ehrenbürgerrecht in Cham und war damit die erste Frau, der diese Auszeichnung verliehen wurde. 1925 stirbt Adelheid Page-Schwerzmann am 15. September nach einer schweren Operation im Haus Maienrain auf dem Schlossgelände in Cham.
Sie prägte das Wirtschaftsleben im Kanton Zug und hinterliess ein bleibendes Vermächtnis, das sich in den zahlreichen sozialen und medizinischen Institutionen zeigt, die sie in ihrem Testament bedachte, darunter Spitäler, Heime und verschiedene Hilfsorganisationen. Als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit prägte sie das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben im Kanton Zug und trug wesentlich zur Entwicklung der Region bei.
Sofija Prsic
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